Das Sakrament der Beichte

 

„Bei allen schweren Sünden ist der Empfang des Bußsakramentes unerlässlich. Jeder Gläubige ist verpflichtet, seine schweren Sünden wenigstens einmal im Jahr aufrichtig zu bekennen. Auch denen, die sich keiner schweren Sünde bewusst sind, empfiehlt die Kirche, in Zeitabständen, in denen das eigene Leben noch überschaubar ist, das Bußsakrament zu empfangen.“

So steht es in den kirchlichen „Weisungen zur Bußpraxis“. Lange Zeit war das den meisten katholischen Christen auch selbstverständlich: Die regelmäßige Beichte war ein ganz wichtiger Teil des Lebens aus dem Glauben.
Das ist mittlerweile sehr anders geworden. Auch von den „praktizierenden“ Katholiken nimmt nur noch der kleinere Teil die Beichte in Anspruch, „ersetzt“ sie bestenfalls durch den Besuch eines Bußgottesdienstes. Den alten Zeiten nachzutrauern hat keinen Sinn – auch damals wird nicht jede „Pflichtbeichte“ dem Thema Umkehr und Versöhnung wirklich gerecht geworden sein. Aber sollte das Bußsakrament tatsächlich in unseren Breiten verschwinden, wäre das ein großer Verlust: Ginge damit nicht viel von unserem Glauben an einen verzeihenden Gott verloren und ebenso an religiöser, menschenfreundlicher Kultur?

Der bekannte Benediktinerpater und Autor Anselm Grün schreibt:
„Viele Menschen fragen heute, warum sie denn beichten müssten. Gott würde ja auch so vergeben. Sie würden ihre Sünden Gott direkt sagen, sie bräuchten dazu keinen Priester, den sie nicht kennen. Natürlich vergibt Gott unsere Sünden auch ohne Beichte. Gott kann jede Sünde vergeben, ohne dass wir sie einem Priester bekennen. Wir können die Vergebung Gottes im Lesen und Hören seines Wortes erfahren, in der Eucharistiefeier, in der Stille des Gebetes. Die Vergebung ist also nicht an die Beichte gebunden.
Doch die Frage ist, ob und wie wir an die Vergebung Gottes auch glauben können. Der Ritus der Beichte vermittelt nicht nur Vergebung, sondern er ist vor allem eine Hilfe, dass wir an die Vergebung glauben können. Er überspringt in uns die psychischen Barrieren, die uns davon abhalten, Gottes Vergebung wirklich anzunehmen. Die Beichte ist ein Geschenk, das Gott uns gegeben hat, damit wir die Vergebung Gottes greifbar erfahren können und deshalb damit aufhören, gegen uns selbst zu wüten und uns selbst zu bestrafen. Wir sollten also weniger von der Pflicht der Beichte sprechen, sondern von dem Angebot der Beichte, das uns gut tut.
Wenn ein Mensch wirklich schuldig wird, dann nützt ihm die Zusage allein nichts, dass Gott barmherzig ist. Er muss es einem Menschen erzählen, und er muss durch den Menschen die Vergebung Gottes erfahren. Und er braucht einen Ritus, der das tiefsitzende Misstrauen gegenüber einem vergebenden Gott überwindet und auch im Unbewussten die Ahnung der Vergebung bewirkt.
Zudem: Nach C. G. Jung reißt die Beichte die Mauer nieder, die uns von Gott, von uns selbst und von Menschen trennt. Es ist für die Gesundheit des Menschen offensichtlich notwendig, dass er einen Ort hat, an dem er bewusst seine Fehler und Schwächen bekennen und über seine Schuld und Schuldgefühle sprechen kann. Es ist befreiend für ihn, wenn er seine schwachen Seiten zugeben kann, wenn er im Gespräch nicht immer nur seine eigenen Vorzüge beweisen und seine Stärken demonstrieren muss.
Die Schuld gehört zu mir, genauso wie die Erfahrungen einer Begegnung oder eines Erfolgs. Wer seine Schuld nicht ausspricht, der muss einen großen Teil von seiner Wirklichkeit unterdrücken und abspalten. Er ist nicht mehr in Beziehung zu sich selbst. Er ist wirklich von einer Mauer umgeben, die ihn von seiner eigenen Menschlichkeit trennt.“