Trauer

 

Wenn ein Mensch stirbt, wenn jemand von uns geht, nach einem großen Verlust oder Zusammenbruch kommt die Zeit der Trauer. Unsere Seele weiß um deren Tiefe und um das Ausmaß des Schmerzes. Und sie bedarf einer Heilung und einer Versöhnung.

Angehörige stehen vielleicht vor einer großen Lebensaufgabe: Abschiednehmen und Loslassen. Fassaden brechen zusammen und Werte werden in Frage gestellt. Trauer ist oft der Auslöser für eine tiefgehende Krise, ein Weg, der viel Zeit benötigt. Denn trauern heißt: Abschied nehmen und das Leben neu lernen. In der Trauer lebt die Liebe weiter.

Wenn der Trauer nicht genügend Raum und Zeit gegeben wird, bleibt der Schmerz des Todes unerlöst. Und der Tod geht nicht aus dem Haus. Wir können die Toten erst lassen, wenn sie von uns gewürdigt und wir durch sie gesegnet sind. Dann ziehen sie sich still zurück und wir können uns neu dem Leben zuwenden, das uns noch für eine Weile gegeben ist. Unsere Toten brauchen ihren Platz. Wenn sie in Zugehörigkeit aufgenommen sind, können sie den Lebenden Kraft geben.

In der Achtung vor den Toten und deren Schicksal liegt Heilung und Versöhnung. Das Trauern um sie kann eine sehr heilende und versöhnende Wirkung haben. Hier wächst die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten.

Das Trauern wird heute schwer gemacht. Viele der alten Bräuche und Sitten sind nicht mehr erlebbar. Doch es bedarf der Rituale, die auf dem Trauerweg eine große Hilfe sein können. Es sind Zeichen der Liebe, wenn wir ein Bild unserer Verstorbenen betrachten und für sie eine Kerze anzünden. Der regelmäßige Grabbesuch erneuert die Verbundenheit mit ihnen und sichert ihren Platz. Die Pflege und der Schmuck der Gräber würdigt diese als Ort der Trauer.

Wir gedenken unserer Verstorbenen in unserem Gebet, in unseren Tränen und in unserer Sehnsucht. Bei jedem Gedenkgottesdienst zeigen wir, dass unsere Hoffnung über den Tod hinaus geht.
Bei uns geschieht das noch sehr häufig mit einer Messintention, die man im Pfarrbüro bestellt und die dann im Pfarrbrief aufscheint.
Ungefähr vier Wochen nach dem Tod wird in der Stadtpfarrkirche das „Vier-Wochen-Amt“ gefeiert: immer am Dienstag um 19 Uhr. Ebenso begehen wir in dieser Werktagsmesse fünf Jahre lang das „Jahresgedächtnis“. Dabei werden die Namen der Verstorbenen in den Fürbitten genannt und für sie auf dem Altar eine Kerze angezündet.

Auf jede Form des Verlustes ist Trauer eine natürliche und normale Reaktion und ein angemessenes Gefühl. Trauer ist keine Krankheit. Trauer will gelebt sein und braucht dafür Erlaubnis, Raum, Schutz und Zeit. Trauer hat viele Gesichter. Oft ist sie noch mit anderen Gefühlen vermischt. Es zeigt sich ein Gefühlschaos aus Niedergeschlagenheit, Verzweiflung, Ratlosigkeit, Ärger, Wut, Zorn, Schuldgefühlen und Aggressionen. Quälende Erinnerungen und Gedanken der Hoffnungs- und Sinnlosigkeit verstärken dies.
Eine nicht vollzogene Trauer kann das Tor zur Depression sein. Auch nicht zugelassener Schmerz behindert den Trauerprozess.

Jeder lebt seine Trauer so, wie es für ihn angemessen und gemäß ist. Manchmal bedarf es einer Begleitung. Das Wissen um andere, die ebenfalls einen Trauerweg gehen, kann Trost und Halt schenken. Hier erwächst die Möglichkeit, im Gespräch Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam in die Welt der Erinnerungen einzutreten.

Diese Hilfe kann durch die Seelsorger erfahrbar sein. Darüber hinaus gibt es wertvolle und hilfreiche Angebote von Trauergruppen in Hospizvereinen und Bildungswerken.
Wenn die Belastungen sehr intensiv sind und über einen längeren Zeitraum anhalten, ist es ratsam, sich fachliche Unterstützung und Behandlung zu suchen. Das Ziel wird dabei sein, wieder ins Einverständnis mit dem Leben zu kommen: mit all dem, was jetzt ist.
Das geschieht auf einer Ebene, in der es kein Alleinsein mehr gibt, denn in unserem Wesen sind wir alle miteinander verbunden – auch mit unseren Toten.

Die Brücke zwischen dem Land der Lebenden und dem Land der Toten ist die Liebe. Nach dem Verlust eines geliebten Menschen ist die Trauer oftmals die einzige Möglichkeit, um diese Liebe fortzusetzen.
In der Emmaus-Geschichte wird die Bitte ausgesprochen: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden“ (Lk 24,29). Das ist eine Grunderfahrung, die alle Trauernden nachsprechen können. Denn es sind Wege, die gegangen werden müssen. Und irgendwann – nach vielen Tränen und großem Schmerz – werden aus den Trauerwegen wieder neue Lebenswege. Und Trauererfahrung verwandelt sich in Auferstehungsgewissheit.

So kann ich dann meinem Tod zustimmen und ihn willkommen heißen, wenn die Zeit dafür reif ist.

(nach dem Heft „Christliches Sterben“, hg. v. Erzb. Ordinariat München)



Trauer gemeinsam tragen

Gesegnet seien alle,
die mir jetzt nicht ausweichen.
Dankbar bin ich für jeden,
der mir einmal zulächelt
und mir seine Hand reicht,
wenn ich mich verlassen fühle.

Gesegnet seien alle,
die mich noch besuchen,
obwohl sie Angst haben, 
etwas Falsches zu sagen.

Gesegnet seien alle,
die mir erlauben, von dem Verstorbenen zu sprechen.
Ich möchte meine Erinnerungen
nicht totschweigen.
Ich suche Menschen, denen ich mitteilen kann,
was mich bewegt.

Gesegnet seien alle,
die mich nicht ändern wollen,
sondern geduldig so annehmen, wie ich jetzt bin.

Gesegnet seien alle,
die mich trösten
und mir zusichern,
dass Gott mich nicht verlassen hat ...
(Marie-Luise Wölfing)