Impuls der Woche

Vernünftige Kritik des barmherzigen Samariters

"Ich bekenne, daß ich nie daran gedacht habe, den barmherzigen Samaritan nachzuahmen. Ich muss vielmehr gestehen, daß in meinen Augen das Gleichnis einer abschwächenden Erklärung bedarf. Es wäre zu wünschen, daß einmal in einer Predigt gesagt würde, der Herr habe hier aus pädagogischen Gründen etwas stark aufgetragen, oder daß die Exegese darauf aufmerksam machte, die Übersetzung der Vulgata sei hier freier als sonst und man müsse überhaupt vieles – ja das meiste – den Übertreibungen des morgenländischen Stils zuschreiben.

Dieser Samaritan ist zunächst doch eine Art Häretiker oder zum mindesten ein Schismatiker. Er hat nicht das Recht, einem Leviten oder gar einem Priester eine Lektion in Humanität zu erteilen. Wenn der Levit und der Priester vorübergegangen sind, so hatten sie ihre guten Gründe dafür. Der Samaritan dagegen scheint mir ein Hitzkopf zu sein. Er überlegt nicht einmal, bevor er dem Sterbenden zu Hilfe kommt. „Am Zögern erkennt man den Weisen“, und davon findet sich bei ihm keine Spur. Ich kann nicht umhin zu denken, er verpfusche und entehre den wahren Begriff der Nächstenliebe, denn er umgibt ihn mit keinerlei Vorsicht und infolgedessen mit keinerlei Ehrfurcht. Sobald die Nächstenliebe zum Instinkt wird, ist sie eine sehr gefährliche Form der Anarchie. Der Fall des Samaritans riecht nach Kommunismus. Denn wen unterstützt er? Den ersten besten ohne jede vorherige Erkundigung.

Den ersten besten; ein Individuum, das von Räubern halbtot liegengelassen wurde. Dabei konnte dieser Sterbende selber ein Räuber gewesen sein, den anständigere Räuber aus einem Rest von Gewissenhaftigkeit erschlagen hatten. Vielleicht war er ein streitsüchtiger Kerl oder einer jener Unvorsichtigen, die das Leben riskieren, um ihr Geld zu rette, vielleicht ein Landstreicher oder ein Schlafwandler. Was tat er im Augenblick, als die Räuber vorbeikamen? Ich habe immer die Erfahrung gemacht, daß Opfer eines Angriffs nicht viel wert sind. Anständige Leute gehen wenig aus, sie tragen nicht viel Geld, aber dafür eine Waffe mit sich. Sie besuchen nur Gegenden, in denen die Polizeit die Runde macht. Der Kunde des guten Samaritans war auf jeden Fall unbesonnen. Und selbst, wenn er ein Lehrer in Israel gewesen wäre, so hätte sein Wohltäter sich doch dessen zuerst vergewissern müssen.

Wenn bessere Herren so handelten wie der gute Samaritan, so wäre die Nächstenliebe eine Ermunterung zur Sünde und zum Müßiggang, den Eltern der Armut. Der Samaritan ist nicht einmal so klug, es bei einem kleinen Almosen oder bei einem guten Wort bewenden zu lassen. Er pflegt irgendeinen Unbekannten wie seinen Bruder. Er gibt der Volksgemeinschaft einen Unnützen, wenn nicht geradezu einen Schädling, sicher einen Geschwächten, womöglich ein aufrührerisches Element zurück. Er kommt dabei um seine Zeit, sein Öl und seinen Wein, wo das Leben so teuer ist! Er setzt den Kranken auf sein Pferd und geht selber zu Fuß, wie der Bauer in der Fabel. Es gibt Leute, die jedes Geschäft verderben; der da verdirbt die Nächstenliebe.

Übrigens ist anzunehmen, daß der Samaritan seine bürgerlichen oder Familien-Pflichten vernachlässigen mußte, um sich solche Extravaganzen erlauben zu können. Ich wette, daß er zu spät auf sein Büro kam. Also hat er seinen Vorgesetzten hintergangen, so gut wie er den Gastwirt hineingelegt hat, dem er einfach einen unbekannten Verwundeten hinterließ, ein Individuum also, das vermutlich unsauber und voll Ungeziefer war – nicht zu reden davon, daß er seine eigenen Kinder und seine Erben um das Geld gebracht hat, das ihnen zukam.

Ich weiß, daß er einen Sterbenden gerettet hat, aber ich frage mich, ob das zu seiner Entschuldigung genügt.“



(Jaques Debout, Vernünftige Kritik des barmherzigen Samariters,
in: Ders., Gewissenserforschung eines mittleren Christen,1925. Deutsche Ausgabe: Einsiedeln 1948)